Letzte Aktualisierung

Die letzte Aktualisierung erfolgte am 21. Januar 2018.

 

Viel Spaß beim Lesen!

Oschatzer Schützenabzeichen ermittelt

 

 

Im Herbst 2017 konnte die PSSG zu Oschatz wertvolle Schätze aus der Geschichte der Oschatzer Scheibenschützengesellschaft für ihr Vereinsmuseum erwerben.

 

Dabei handelte es sich um zwei Königssterne aus den Jahren 1920/21 und 1937/38 sowie ein Festabzeichen zum 400-jährigen Gesellschaftsjubiläum 1937.

 

 

 

Wie bei der vor kurzem erworbenen Gesellschaftsfahne, handelte es sich auch bei den drei genannten Stücken um einen Zufallsfund in einem Online-Auktionshaus.

 

Nach einigen Recherchen des Vereinschronisten konnte festgestellt werden, dass die Neuerwerbungen dem Nachlass des Oschatzer Schützen Ernst Prietzel entstammten.

 

Ernst Prietzel, Pächter der Bahnhofswirtschaft, Bahnhofsplatz 1 in Zschöllau, war Schützenkönig der PSSG zu Oschatz in den Jahren 1920 und 1937 – und damit der letzte Oschatzer Schützenkönig bis 1987.

 

 

 

Das traditionelle Königsschießen fand in Oschatz 1673 erstmals Erwähnung. Alljährlich hielten es die Schützen donnerstags nach Pfingsten bis zum darauf folgenden Sonntag ab.

 

 

Während seiner Amtszeit erhielt der Schützenkönig die Königskette des Vereins sowie einen großen echtsilbernen, 1842 hergestellten Königsstern. Dieser war achtstrahlig und besaß ein goldgerändertes Mittelmedaillon mit dem Stadtwappen. Der Silberstern ist seit 1945 verschollen. Am Ende der Amtszeit eines jeden Schützenkönigs mussten die Vereinsinsignien an die nachfolgende Majestät übergeben werden. Stattdessen erhielt der scheidende König einen kleineren Silberstern als Erinnerungsabzeichen verliehen.

 

 

 

Im Nachlass Prietzels befanden sich u. a. zwei silberne Königssterne für seine Amtszeiten als Schützenkönig sowie ein Festabzeichen zum 400. Gesellschafts- und 250. Fahnenjubiläum ao. 1937. Es sind die ersten nachweislichen Königssterne, die sich wieder in Oschatz befinden und die phaleristische Vielfalt der Oschatzer Schützengeschichte anschaulich belegen. Diese drei Abzeichen wurden am 19. August 2017 ersteigert und befinden sich nun im Besitz der PSSG zu Oschatz.

 

Der Königsstern 1920/21

 

Der erste achtstrahlige Königsstern Ernst Prietzels ist zweiteilig mit einem aufgenieteten Mittelmedaillon gefertigt. Diese acht Gramm schwere Insignie unbekannten Herstellers misst 44x44 mm; der Durchmesser des Mittelmedaillons beträgt 20 mm; der Kranz hat eine Breite von einem Millimeter. Der echtsilberne massive Stern führt die Beschriftung Schützen / König / 1920-1921, wobei die Jahreszahlen nachträglich graviert worden. Mit Hilfe einer rückseitig aufgelöteten waagerechten Nadel konnte der Stern als Erinnerungsabzeichen getragen werden.

 


Der Königsstern 1937/38

 

 

Nachdem es Schütze Prietzel 1937 erneut gelang, die Königswürde des Vereins zu erlangen, erhielt er seinen zweiten Königsstern von der PSSG zu Oschatz verliehen.

Dieser einteilig gefertigte zwölfstrahlige Stern unbekannten Herstellers misst 42x42 mm. Das Mittelmedaillon hat einen Durchmesser von 18 mm, der Eichenlaubkranz ist vier Millimeter breit.

Der aus 950er Silber massiv geprägte Königsstern wiegt zehn Gramm und trägt die Gravur Schützen / König / 1937-1938, wobei auch hier die Jahreszahlen nachträglich hinzugefügt worden.

Eine waagerecht aufgelötete rückseitige Nadel diente zur Befestigung an der Uniform.

 


 

Das Festabzeichen 1937

 

 

Als letztes Oschatzer Abzeichen befand sich im Schützennachlass ein Festabzeichen zum 400. Gesellschaft- und 250. Fahnenjubiläum der PSSG zu Oschatz anno 1937.

Das nunmehr 80 Jahre alte hohlgeprägte Messingabzeichen wiegt zwei Gramm und ist 42 mm hoch, 33 mm breit sowie zwei Millimeter dick. Die Motivgestaltung ist dreigeteilt: im oberen Drittel befindet sich linksseitig ein Wappenschild mit einer vier Ringe zählenden Zielscheibe, rechtsseitig ein Wappenschild mit einer drei Ringe zählenden Zielscheibe auf zwei gekreuzten Büchsen. Mittig zeigt es ein Hakenkreuz im Kreis, dahinter links und rechts jeweils neun Sonnenstrahlen. Darunter sind die Jahreszahlen 1537 und 1937 angebracht.

Das Mittelfeld des Abzeichens ist beschriftet mit PRIV. SCHEIBENSCHÜTZEN / GESELLSCHAFT / OSCHATZ / 440 JÄHR. GESELLSCHTS U. / 250 JÄHR. FAHNEN-JUBILÄUM / 15.5.37 23.5.37.

Im unteren Drittel des Festabzeichens befindet sich das Oschatzer Stadtwappen – ein steigender bewehrter Löwe mit drei Sternen in den Schildecken. Das Wappen ist erhaben über dem gehämmerten Grund und ragt in das Mittelfeld hinein. Rückseitig diente eine waagerecht aufgelötete Nadel zum Tragen.

 

 

 


Die älteste Oschatzer Schützenfahne kehrt zurück

Am 16. August 2016 informierte ein Besucher des Stadt- und Waagenmuseums Oschatz die Museumsleiterin Frau Dana Bach darüber, dass er im Nachlass seines Vaters zwei Oschatzer Schützenfahnen fand. Sein Vater soll der letzte Platzwart der Schützen bis 1945 gewesen sein. In den Jahren 2004/2005 verkaufte der Erbe die Fahnen schließlich an ein Plauener Auktionshaus.

 

Doch welche beiden Gesellschaftsfahnen sollte das betroffen haben? In ihrer fast 500-jährigen Geschichte besaß die PSSG zu Oschatz fünf verschiedene Feldzeichen. Das war die zur Hochzeit des Kurfürsten Johann Georg 1604 in Dresden nachgewiesene schwarz-gelbe Fahne. Zu ihr fehlen jegliche weiteren Angaben. Das zweite Stück stiftete Kurfürst Johann Georg III. 1687 ebenfalls in Dresden; sie war bis 1945 vorhanden. Die dritte, die sogenannte Jägerfahne, stiftete der Stadtrat im Jahre 1805. Auch sie war bis Kriegsende noch in Vereinseigentum. König Friedrich August I. schenkte 1807 den Schützen eine weitere Fahne, die jedoch einem Brand zum Opfer fiel. Als letzte Fahne gilt die 1871 anlässlich des Schützenhausneubaus von den Schützenfrauen finanzierte Fahne. Nach 1945 verlor sich auch ihre Spur, bis sie schließlich 2005 durch das Oschatzer Stadt- und Waagenmuseum angekauft werden konnte.

 

 

 

Nachdem die Museumsleiterin über den Zweiten Vorsitzenden Martin Kühn Kontakt mit der PSSG zu Oschatz aufnahm, begannen die kriminalistischen Recherchearbeiten.

 

 

 

Die Fahne „von deren Frauen“

 

Eine Anfrage bei dem Plauener Auktionshaus ergab, dass es sich um eine „Sachsenfahne“ und eine Fahne „von deren Frauen“ handelte. Darüber hinaus wurden die Kontaktdaten der weiteren Käufer mitgeteilt. Diese Auskunft stellte klar, dass eine der Fahnen die 1871 von den Frauen gestiftete gewesen sein muss. Ihr Weg ließ sich über diverse Zwischenstationen bis ins Stadtmuseum nachverfolgen, welches sie heute sicher verwahrt.

 

 

 

 

Das Wappen des durchlauchtigsten Churhauses Sachsen

 

Unterdessen war ein Foto der gesuchten zweiten Fahne vorhanden, das mit schriftlichen Quellen abgeglichen werden musste. Eine jahrhundertealte Wappenbeschreibung des Dresdener Gesamtministeriums stach bei den schriftlichen Nachweisen besonders hervor. Sie fasste die Motivgestaltung folgender-maßen zusammen: „auf schwarzen und weißen Feldern mit gelb und grün wechselnden Kanten das Wappen des durchlauchtigsten Churhauses Sachsen auf der einen, und das Wappen der Stadt Oschatz auf der andern Seite“. Es handelte sich dabei um die Darstellung der 1687 von Kurfürst Johann Georg III. (1647-1691) anlässlich einer Hoffeierlichkeit gestifteten Schützenfahne. Der aufgrund seines Mutes und der Begeisterung für den Krieg als „Sächsischer Mars“ bezeichnete Vater des späteren Kurfürsten Johann Georg IV. und August des Starken trat 1680 das Amt als Kurfürst und Erzmarschall des Heiligen Römischen Reiches an.

 

Die Suche nach dem jetzigen Besitzer der alten Fahne verlief parallel zur Quellenrecherche weiter und führte schließlich nach Hamburg. Hier brachte die Kontaktaufnahme mit dem Auktionshaus neben einem vierstelligen Preisangebot ein weiteres Foto – und das Bild passte anstandslos zur erwähnten Beschreibung. Die „schwarzen und weißen Felder“ auf der linken Seite, die „gelb und grün wechselnden Kanten“, die schwarz-gelben, sogenannten Ballenstedtschen Balken samt grüner Rautenkrone auf der rechten Seite sowie „das Wappen des durchlauchtigsten Churhauses Sachsen“ – dargestellt durch die links auf schwarz-weißen Feldern liegenden roten Kurschwerter und den roten Kurhut – waren allesamt vorhanden. Da jedoch das Wappen Kursachsens kein eindeutiger Beweis ist, mussten weitere stichfeste Belege gefunden werden. Dazu traf sich ein museologisch, archivisch und regionalgeschichtlich versiertes Zweigespann, bestehend aus der Museumsleiterin und dem Vereinschronisten, zur stundenlangen Akten-, Literatur- und Bilddurchsicht.

 

Als Ergebnis entstand eine siebenseitige Ausarbeitung. Sie beinhaltete alle Indizien und Be-weise, beginnend bei der Wappenbeschreibung, über den geschichtlichen Werdegang der Fahne selbst bis hin zu den aufgestellten Thesen mit den dazugehörigen schriftlichen und bildlichen Belegen.

 

Als bedeutendste Zäsur in der Fahnengeschichte galt die 1805 auf städtische Kosten durchgeführte Restaurierung des bis dato 118 Jahre alten Fahnentuches. Sie erschien den Schützen aufgrund des starken Materialverschleißes als notwendig. Dabei erhielt der alte Stoff einen neuen, dünnen, gitterartigen Träger. Vorhandene Materialreste wurden nach Möglichkeit beibehalten und auf dem Träger vernäht.

 


Diesem Umstand verdankt die Fahne einerseits eine bis heute gewährleistete Stabilität, andererseits ihre einmalige markante linke Seite, die somit als genaue Bestimmungsgrundlage diente. Alle Fotografien, Zeichnungen und Bilder der Schützen mit ihrer Fahne mussten demnach (nach der Restaurierung) diese stellenweise dünne Materialbeschaffenheit zeigen und genau das traf zu. Vorhandene Bilder aus dem Stadt- und Waagenmuseum sowie der Privatsammlung Kühn bewiesen auch diese These.

 

 

 

Das Heimatfest 1906 liefert den fotografischen Beweis

 

Den ausschlaggebenden Beweis, dass die angebotene Fahne ein Oschatzer Original ist, lieferte ein Foto aus dem Jahre 1906 anlässlich des Festzuges zum Heimatfest über den Oschatzer Altmarkt. Am Umzug nahmen auch die Mitglieder der Scheibenschützengesellschaft teil. Der Fotograf hielt den Umzug zum richtigen Zeitpunkt bildlich fest; der Wind entfaltete das Fahnentuch.

 

Nach Vergrößerung der Motivdetails ergaben sich vier eindeutige Übereinstimmungen: die Tuchform, die markante Schräge zu Beginn des Wappenschildes, die eindeutigen Restaurierungsspuren, der Abstand der Parierstange des Kurschwertes zu den schwarz-gelben Balken sowie die gebogene Rautenkrone.

Die Fahne kehrt zurück

 

Alle Indizien und Beweise ließen nur noch einen Schluss zu: das Hamburger Auktionshaus besaß die älteste Oschatzer Schützenfahne aus dem Jahre 1687. Doch wie sollte der Verein den geforderten Betrag aufbringen? Zu unseren Gunsten konnte die Summe leider nicht reduziert werden.

 

Schnell waren der Oberbürgermeister und die Stadtverwaltung, besonders der Stadtkämmerer, in den Fall involviert. Dabei leistete das genannte mehrseitige Thesenpapier beste Überzeugungsarbeit. Das Stadtoberhaupt verstand die sich bietende einmalige Gelegenheit, bei der zügiges Handeln unabdingbar war und jede Option genutzt werden musste. Mit seiner Hilfe bewilligte die Stadtverwaltung schließlich die notwendigen finanziellen Mittel.

 

Am 20. September 2016 nahm der Vereinschronist die Fahne in Empfang – ein Jahr vor dem 480-jährigen Gesellschaft- und 330-jährigen Fahnenjubiläum. Damit endete ein packender Kriminalfall – vorerst.

 

Die Fahne war und ist in einem für ihr Alter sehr guten Zustand. Dem Zahn der Zeit geschuldete Ge- und Verbrauchsspuren traten erst einmal in den Hintergrund, dazu war die Begeisterung, ein Stück Stadt-, Gesellschafts- und Schützengeschichte nach über 70 Jahren Abwesenheit wieder an den Heimatort geholt zu haben, einfach zu groß.